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Wenn gute Leute gehen.

  • Autorenbild: Mike Horn für ICD
    Mike Horn für ICD
  • 7. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Es ist ein vertrautes Bild. Eine Schlüsselkraft kündigt, und die Erklärung steht schnell fest: das Gehalt, ein besseres Angebot, die persönliche Veränderung. Man sucht nach, besetzt nach, atmet auf. Und einige Monate später kündigt die nächste Person an derselben Stelle.

Wenn Fluktuation sich an bestimmten Positionen oder Schnittstellen häuft, lohnt sich ein zweiter Blick. Denn dann ist die naheliegende Erklärung — Menschen kommen und gehen eben — oft die falsche. Die Stelle selbst produziert den Abgang.


Das Muster hinter dem Abgang

Menschen kündigen selten wegen einer einzelnen Sache. Sie kündigen, wenn die tägliche Reibung den Wert der Aufgabe überschreitet. Und diese Reibung entsteht häufig nicht zwischen Personen, sondern aus der Struktur, in der diese Personen arbeiten.

Eine Führungskraft, die zwischen zwei Vorgesetzten mit widersprüchlichen Erwartungen steht, wird irgendwann gehen — egal, wie kompetent sie ist. Nicht weil sie schwach ist, sondern weil die Position selbst sie zwischen zwei Logiken zerreibt. Die nächste Person in derselben Rolle erlebt dasselbe. Und auch sie wird gehen.

Das ist der entscheidende Hinweis: Wenn eine Stelle wiederholt verschleißt, liegt die Ursache nicht in den Menschen, die sie besetzt haben, sondern in der Konstruktion der Stelle.


Was die Austrittsgespräche verschweigen

Austrittsgespräche liefern selten die wahre Ursache. Wer geht, nennt das Gehalt oder die Entwicklungsperspektive — nicht die strukturelle Zermürbung, weil die schwer zu benennen ist und nach Beschwerde klingt. „Mein Aufgabenbereich war nie klar abgegrenzt" sagt sich schlechter als „ich hatte ein besseres Angebot".

So entsteht ein systematischer blinder Fleck. Die Organisation hört „Gehalt" und reagiert mit Gehalt. Sie hört „Entwicklung" und reagiert mit einem Entwicklungsprogramm. Aber wenn die eigentliche Ursache strukturell ist — unklare Entscheidungsrechte, kollidierende Erwartungen, eine Position ohne echte Befugnis — dann verpufft jede dieser Maßnahmen. Man behandelt das genannte Symptom, nicht die ungenannte Ursache.


Warum es alle Organisationen trifft

Dieses Muster ist nicht an eine Branche gebunden. Eine Hotelgruppe verliert wiederholt General Manager an einem bestimmten Haus — und sucht den Fehler bei den Personen, statt bei der ungeklärten Kompetenzverteilung zwischen Eigentum, Zentrale und lokalem Betrieb. Ein Mittelständler verschleißt Bereichsleiter an der Naht zwischen alter Stammmannschaft und neuer Struktur. Ein Scale-Up verliert Senior-Hires, weil ihre Rollen nie gegen die gewachsene

abgegrenzt wurden. Ein Vorstand sieht eine Schlüsselfunktion rotieren, weil sie formal verantwortlich, aber faktisch nicht entscheidungsbefugt ist.

Vier verschiedene Kontexte, dasselbe strukturelle Muster: Eine Position ist so konstruiert, dass sie verschleißt — und die Organisation deutet den Verschleiß als Abfolge persönlicher Entscheidungen.


Die teure Verwechslung

Der Unterschied ist nicht akademisch, er ist teuer. Fluktuation kostet — Nachbesetzung, Einarbeitung, verlorenes Wissen, die Belastung der verbleibenden Mannschaft, der Bruch in Kundenbeziehungen. Wenn diese Kosten wiederkehren, weil die Ursache nicht behoben wird, summieren sie sich zu einem strukturellen Leck, das niemand als solches bilanziert.

Eine personelle Antwort auf ein strukturelles Problem ist die teuerste Variante: Sie kostet die Fluktuation immer wieder neu und löst nichts. Wer dagegen die Struktur klärt — Entscheidungsrechte, Verantwortungsgrenzen, die Frage, wer wofür wirklich befugt ist — behebt die Ursache einmal, statt das Symptom dauerhaft zu finanzieren.


Wie man die Unterscheidung trifft

Bevor die nächste Nachbesetzung startet, lohnt sich eine nüchterne Frage: Ist diese Stelle schon mehrfach verschlissen? Häuft sich der Abgang an einer bestimmten Schnittstelle? Beschreiben die Gehenden ihre Lage in Begriffen, die auf fehlende Klarheit deuten — „nie genau gewusst, was meine Entscheidung war", „ständig zwischen zwei Erwartungen"? Bleibt das Problem, auch wenn die Person wechselt?


Je öfter die Antwort „ja" lautet, desto wahrscheinlicher ist die Fluktuation strukturell — und desto sicherer wird die nächste Nachbesetzung an derselben Stelle erneut scheitern.


Genau diese Unterscheidung lässt sich systematisch treffen. Unser Diagnose-Raster führt mit sechs Fragen durch die Einordnung, ob ein wiederkehrender Konflikt — und der Abgang, der aus ihm folgt — personell oder strukturell ist. Es ersetzt keine Analyse, aber es verhindert den teuersten Fehler: dieselbe Stelle ein weiteres Mal zu besetzen, ohne zu klären, warum die letzte Besetzung gegangen ist.



Personalproblem oder Strukturproblem?

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